Kienzlers Kolumne

Kommentare zu Alltäglichem und weniger Alltäglichem

Tee trinken November 12, 2007

Gespeichert unter: Essays, Gedanken, Kulinarisches — harrykienzler @ 1:28

Draußen nieselt es und ein schneidender Wind klatscht einem die nassen Ohrfeigen Unsichtbarer ins Gesicht, da kauer ich mich zitternd Wärme suchend an den heimischen Küchentisch und brühe mir ein Tässchen Tee auf. Vor mir steht eine dampfende Tasse und darin schwimmt ein sich munter vollsaugender Beutel, ja ich muss zugeben, oft bin ich ein fauler Beutelteetrinker, auch wenn ich weiß, dass der wahre Kenner seine Blätter selber dosiert. So sitz ich da und lass ihn ziehen und ich weiß die richtige Zeit zu bestimmen ohne Tee-Uhr, nur mit dem geübten Blick, der an der Farbe erkennt, wann der Tee genug gezogen und dank des flüchtigen Schielens auf die ganz normale Uhr, die tickend überm Herd hängt. Das Ziehen ist ein wundervoller Vorgang, zwei Minuten lang tue ich nichts, als gebannt auf die Tasse zu starren und zu warten. So bekomme ich eine Mini-Meditation noch gratis dazu. In dieser Zeit mischt sich der letzte Lebenshauch der trockenen Blätter mit dem Wasser und ein bisschen komme ich mir vor wie ein Schamane, der geheime Zaubertränke braut. Heutzutage schreibt die Verpackung dem Tee auch allerlei magische Kräfte zu und sagt, dass er Kraft gebe, oder Leidenschaft und mancher Schlaftee wirkt sogar besser als es einem lieb sein kann. So ergötz ich mich an jenem geheimnisvollen Getränk, bei dem man nie so ganz weiß, welche Wirkung man sich nur einbildet und welche wirklich geheimnisvolle Kräfte in unserem Wesen wirken lässt…

 

Käse August 25, 2007

Gespeichert unter: Essays, Kulinarisches — harrykienzler @ 2:08

Hier sei heute der Käse mit wortreicher Verehrung bedacht. Käse, ein in geruhsamer Arbeit der schlichten Milch abgewonnenes und veredeltes Produkt, das schon in seiner simpelsten Form, als einfacher Hartkäse, durch sein vielschichtiges Aroma zu bezaubern weiß. Doch das wahre vollmundige Jauchzen des überwältigten Gourmets erklingt erst in Angesicht des Weichkäses, der in plastischer Vergänglichkeit Duftschwaden durch die Luft flimmernd auf einem Holzbrettchen aus der eigenen Form fließt. Mit vor Erregung zitternden Nüstern kauert der Genießer erwartungsvoll vor diesem Wunder des Lebens, dessen Duft allein schon ein ganzes Universum organischer Ambivalenz erschließt zwischen dem Odem eines Neugeborenen, das sich noch feucht auf weißen Laken räkelt und dem “Memento mori!” flüsternden Hauch der Verwesung. Schüchtern gleitet der Blick über die schimmlige Außenhaut und wird überwältigt von der schieren Präsenz des Inneren, das in seiner matt heugelben Farbe nur noch durch ein paar winzige Löchlein das durchlaufene Wachstum erahnen lässt. Dieses sinnenreiche Vorspiel wird nur noch übetroffen vom Genuss, den der erleichtert erschaurende Gaumen sich gönnt, wenn das weiche Stück seine cremige Masse in den Untiefen der Mundhöhle verbreitet. Jede kleinste Bewegung der Zunge setzt Essenzen frei, die leise flüsternd geheime Geschichten aus dem Dunkel der Scheunenböden zu berichten wissen. Erwachend aus einem schemenhaft verwehenden Traum erhebt sich nach dem Mahl der lächelnde Genießer und kehrt zurück in die Unvollkommenheit seines dürstenden Daseins.