Kienzlers Kolumne

Kommentare zu Alltäglichem und weniger Alltäglichem

Schatten unter den Augen August 31, 2007

Gespeichert unter: Essays — harrykienzler @ 3:16

Wenn ich Schatten unter den Augen habe, freue ich mich immer, weil ich so aussehe, als hätte ich etwas erlebt. Wie eine Narbe durchtzechter Nächte prangt da das Dunkel, das leise flüstert: Diese Augen waren länger offen, tranken der Nacht flüchtige Blicke und blinzelten sich durch Gespräche, deren Wortlaut nebensächlich war. Diese Augen lasen Zeilen, die sie ans Buch gefesselt durch die grauen Blätter in das flimmernde Licht fremder Schicksale taumeln ließen. Diese Augen sahen Filme, zu denen man kein Popcorn essen kann. Der durch diese Augen blickt, hat der Welt durch sein Wachen ein Stück Lebenszeit abgetrotzt, das kein Schlaf ihn mehr verlieren lässt.

So sitze ich manchmal stundenlang vor dem Fernseher und starre mich durch das Panoptikum der Belanglosigkeit, das Nachtprogramm, und weiß doch, dass ich mir ein Zeichen ins Gesicht schreibe, das eine viel aufregendere Geschichte anzudeuten weiß. Auch das immergleiche Lamento vom Stress, der einem die Seele brüchig macht, erzählt sich viel leichter mit der schwarzen Scharte der Schlaflosigkeit unter dem Augapfel.

Auszehrung starrt aus meiner Visage und ringt den Blicken der Anderen Repsekt ab, die durch rosige Gesundheit ihren Müßiggang verraten, denn das Opfer der Gesundheit ist die Währung, mit der man auf dem Marktplatz der Leistungsorientierten bar bezahlt. Wer gesund lebt, muss demnach gesund genug sein, sich was den zu schindenden Eindruck angeht selbst zu genügen.

 

Warum ich so höflich bin August 29, 2007

Gespeichert unter: Essays, Geschichten — harrykienzler @ 10:52

Ich bin ja ein sehr höflicher Mensch, ich frage mich oft, warum. Neulich zum Beispiel, ich brauchte beim Geld abzählen an der Kasse im Supermarkt etwas länger, bellte es aus der Schlange hinter mir: „Wird das heute noch mal was?“ und ich entschuldigte mich peinlich berührt und zahlte so schnell es ging, anstatt zu antworten, dass sich die Probleme, die der Betreffende da gerade an mir abreagiert, sich durch sein Geschrei auch nicht lösen lassen und dass er mal darüber nachdenken sollte, ob er vielleicht nur deshalb so viele Probleme hat, weil er mit anderen Leuten immer so umgeht wie mit mir gerade. (mehr…)

 

Käse August 25, 2007

Gespeichert unter: Essays, Kulinarisches — harrykienzler @ 2:08

Hier sei heute der Käse mit wortreicher Verehrung bedacht. Käse, ein in geruhsamer Arbeit der schlichten Milch abgewonnenes und veredeltes Produkt, das schon in seiner simpelsten Form, als einfacher Hartkäse, durch sein vielschichtiges Aroma zu bezaubern weiß. Doch das wahre vollmundige Jauchzen des überwältigten Gourmets erklingt erst in Angesicht des Weichkäses, der in plastischer Vergänglichkeit Duftschwaden durch die Luft flimmernd auf einem Holzbrettchen aus der eigenen Form fließt. Mit vor Erregung zitternden Nüstern kauert der Genießer erwartungsvoll vor diesem Wunder des Lebens, dessen Duft allein schon ein ganzes Universum organischer Ambivalenz erschließt zwischen dem Odem eines Neugeborenen, das sich noch feucht auf weißen Laken räkelt und dem “Memento mori!” flüsternden Hauch der Verwesung. Schüchtern gleitet der Blick über die schimmlige Außenhaut und wird überwältigt von der schieren Präsenz des Inneren, das in seiner matt heugelben Farbe nur noch durch ein paar winzige Löchlein das durchlaufene Wachstum erahnen lässt. Dieses sinnenreiche Vorspiel wird nur noch übetroffen vom Genuss, den der erleichtert erschaurende Gaumen sich gönnt, wenn das weiche Stück seine cremige Masse in den Untiefen der Mundhöhle verbreitet. Jede kleinste Bewegung der Zunge setzt Essenzen frei, die leise flüsternd geheime Geschichten aus dem Dunkel der Scheunenböden zu berichten wissen. Erwachend aus einem schemenhaft verwehenden Traum erhebt sich nach dem Mahl der lächelnde Genießer und kehrt zurück in die Unvollkommenheit seines dürstenden Daseins.

 

Warum ich gerne lustige Socken trage August 24, 2007

Gespeichert unter: Essays, Gedanken — harrykienzler @ 12:08

Ich trage gerne lustige Socken, keine Angst, keine Motivsocken, auf denen kleine Tiere originelle Dinge Sagen, so infantil bin ich dann auch wieder nicht. Nein, lustige Muster zieren meine Füße, Streifen und Karos in schreienden Farben. Lustige Socken sind der letzte Funken Humor, den ich an meinem Körper schwelen lasse, auch wenn ich ansonsten im grauesten aller Anzüge stecke, oder im schlichten Jeans-und-T-Shirt-Outfit-mit-dem-man-nichts-falsch-machen-kann. So wandle ich unbeachtet und als harmloser Gutmensch geltend über die Schlachtfelder der Egomanen und trage doch die schillernden Farben der ästhetischen Revolution als verborgene Fahne über die grauen Mauern der Langeweile. Manchmal frage ich mich, ob sich das nicht auf meinen Charakter übertragen lässt. Ich bin nett, zuvorkommend, hilfsbereit und rede nicht zu viel, also fast zu sympathisch, aber tief in meinem Innern steigt eine Party, von der sich selbst die wilden Orgien im alten Rom noch eine saftige Scheibe abschneiden könnten und von der niemand etwas ahnt. Manche Männer haben eine harte Schale und einen weichen Kern - ich trage langweilige Klamotten und bunte Strümpfe. Da drängt sich natürlich auch die Frage auf, warum ich nicht komplett bunte Klamotten trage und mir mal einen etwas aufregenderen Charakter zulege auf den analogen Spielwiesen des First Life. Ganz einfach, weil manche Dinge im Verborgenen ein viel leichteres  unhinterfragteres Leben führen, als auf der großen Bühne des diskussionsreichen Lebens, auf der alles etwas bedeuten und sich erklären muss. Auch bei den Orgien im alten Rom gab es Türsteher, die die Exklusivität der Veranstaltung zu garantieren wussten.

 

Richtig abnehmen August 23, 2007

Gespeichert unter: Essays, Gedanken — harrykienzler @ 3:36

Ich bin ja inzwischen auch in dem Alter, in dem man von Freunden zur Begrüßung auch ab und zu zu hören bekommt, dass man ja inzwischen auch ein ganz schön imposantes Stück Fett an seinem Oberkörper mit sich herumträgt. Nun hat das bei mir noch keine katastrophalen Ausmaße angenommen, aber gerade weil ich noch relativ nah an der Idealform bin, ärgert es mich umso mehr, dass ich diese partout nicht mehr erreiche. Als ich jünger war musste ich mir immer anhören, dass ich ja so unglaublich dünn sei und wünschte mir nichts sehnlicher als eine ordentliche Wampe, an der solche Sprüche dann wirkungslos abgeprallt wären. Ich habe tatsächlich schon versucht abzunehmen, obwohl ich früher immer der Meinung war, dass das erstens nur von den Medien hypnotisierte Girlies machen, die einem Schönheitsideal hinterherhecheln, das man gar nicht realisieren kann und dass mir das zweitens auch völlig egal sein kann, weil ich niemals in die Situation kommen werde, über so etwas nachzudenken. Tja, so kann man sich irren! rufen mein Spiegel und meine Waage im Chor und ich muss inziwschen tatsächlich darüber nachdenken, wie ich abnehme. Sport machen sagt man da immer, das Problem ist nur, wenn ich Sport mache, was ich selten tue, esse ich natürlich auch ein bisschen mehr, weil der Körper ja auch unendlich viel mehr Ernergie verbraucht. Diese Gewohnheit behalte ich dann bei, auch wenn ich mit dem Sport machen schon längst wieder aufgehört habe. Sport machen kann man also vergessen. Weniger und gesünder essen schallt es einem da entgegen, das geht auch, aber meine Laune wird davon nicht unbedingt besser und außerdem ertappe ich mich dabei, wie ich dann eine zuvor nie gekannte Lust auf Fast Food entwickle, weil man ja auch mal was Verbotenes machen muss, geht also auch nicht. Die beste Methode überhaupt ist: Stress! Ja, so viel Stress, dass man sich dauernd bewegt und das Essen im Idealfall einfach vergisst, das funktioniert! Man bekommt zwar vielleicht von dem Stress irgendwann Magengeschwüre und fiese Ringe unter den Augen, aber einen Tod muss man ja sterben, warum nicht an Magengeschwüren?